Rezension: Die Gewinner der Krise – Was der Westen von China lernen kann

Vor einigen Jahren hat einer meiner deutschen Kollegen in China einen Vortrag gehalten, in dem er auch auf die Gründe eingegangen ist, die seiner Meinung nach für den wirtschafltichen Aufstieg Chinas verantwortlich sind. Er vertrat die These, dass die rasanten Veränderungen vor allem auf drei Faktoren zurückzuführen sind. Was für Kishore Mahbubani die „Sieben Säulen der westlichen Weisheit“ sind und für Niall Ferguson die „Sechs Killer-Applications“, waren für ihn die„ Drei Ausbeutungen“. Mein Kollege vertrat in seinem Vortrag die Meinung, dass die auf den ersten Blick positive Entwicklung in China fast ausschließlich auf die Ausbeutung von Mensch, Rohstoffen und Umwelt zurückzuführen ist.

Der Vortrag meines Kollegen war vor allem polemisch gemeint und sollte zum Nachdenken anregen. Wenn man jedoch die Allgegenwart der prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen, die miserablen Umweltbedingungen und den Raubbau an den natürlichen Ressourcen ansieht, dann kann man den Einfluss ausbeuterischer Zustände auf das moderne China nicht von der Hand weisen. Aber ist das schon die ganze Geschichte? Sicher nicht.

Vereinfachungen sind in jeder Theorie notwendig, um die Komplexität der Welt zumindest einigermaßen zu bändigen. Doch bei dem Versuch, die rasanten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorgänge in China zu beschreiben, laufen Beobachter von außen oft Gefahr, nicht ausreichend aktuelles Faktenwissen zu beachten und in Kategorien zu denken, die sich vielleicht für die westlichen Industrienationen in der Vergangenheit bewährt haben, aber nicht ohne weiteres auf die Situation im heutigen China übertragen werden können.

Meiner Meinung nach begeht Felix Lee, der als Wirtschafts- und Politikredakteur für „Die Tageszeitung“ schreibt, in seinem Buch „Die Gewinner der Krise: Was der Westen von China lernen kann“, das ich für außerordentlich lesenswert halte, diesen Fehler nicht. Sein Kernthema ist der wirtschaftspolitische Hintergrund für die bisherige Krisenresistenz der chinesischen Volkswirtschaft, die viele Analysten überrascht hat. Lee vermeidet es dabei, die dargestellten Fakten zu sehr in einen größeren Bedeutungszusammenhang einzuordnen und auch wenn der Titel es anders vermuten lässt, bleibt er in seinen Beobachtungen sehr um Differenzierung bemüht. Und auch nur an wenigen Stellen geht er so weit, die „Zutaten für das Erfolgsrezept Chinas“ zu sehr zu verallgemeinern und die Möglichkeit einer Übertragbarkeit auf die Situation in Deutschland zu suggerieren.

Gleich zu Beginn stellt sich Lee die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, ein Buch zu schreiben, in dem die wirtschaftlichen Erfolge einer Regierung thematisiert werden, die autoritär ist und Oppositionelle unterdrückt. Er sieht darin jedoch keinen moralischen Konflikt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Lee zudem der Meinung ist, dass ein Buch über das, was der Westen von China auf keinen Fall lernen sollte, ungleich dicker wäre.

Lee beschreibt die drängenden Aufgaben der Zukunft jenseits der allseits bekannten Probleme wie der Inflation, der steigenden Wohnungspreise und der miserablen Werte im Gini-Index. Die wären, um nur einige zu nennen:

  • Der Umbau von einer Agrargesellschaft zu einer Industriegesellschaft und der damit verbundenen geplante Urbanisierungsprozess
  • Die Schaffung von Wohnraum für die zukünftigen neuen Stadtbewohner
  • Die Anpassung der Einkommen an die steigenden Unternehmensgewinne
  • Die Behebung des Ärztemangels und die Bekämpfung der explodierenden Preise im Gesundheitssystem
  • Der Aufbau eines Sozialversicherungssystems
  • Der Aufbau eines unabhängigen Justizwesens

Lee geht zudem davon aus, dass trotz der durch nichts zu entschuldigenden noch immer auftretenden Missachtungen der Menschenrechte, das heutige China zwar ein autoritärer, aber keineswegs ein totalitärer Staat mehr ist und sicher nicht mit Ländern wie Nordkorea gleichgestellt werden sollte. Er sieht trotz zeitweiliger Rückschritte die Bereitschaft der chinesischen Regierung, langfristig einen Rechtsstaat zu schaffen und mehr Meinungsfreiheit zuzulassen. Lee ist der Meinung, dass der chinesischen Regierung über kurz oder lang nichts anderes übrig bleiben wird, als eine Form der Gewaltenteilung einzuführen.
Ein wichtiger Grund, die positiven Aspekte des chinesischen Wirtschaftswunders einmal genauer zu betrachten, sieht er darin, dass besonders im wirtschaftspolitischen Bereich weniger Unterschiede zwischen dem modernen China und dem Westen bestehen, als gemeinhin angenommen.

„Ich bin sicher, dass mit einem genauen Blick auf das Land China der Schrecken genommen werden kann. Denn wirtschaftspolitisch ist die chinesische Regierung aus keinem anderen Holz geschnitzt als die meisten europäischen Länder.“

Ein Freund von mir scherzt oft in Anlehnung an einen eher weniger erfolgreichen interkulturellen Lernprozess „Von China lernen, heißt siegen lernen.“ Das ist leicht gesagt. Doch was ist es denn, was die Chinesen derzeit richtig machen? Was sollen wir denn von ihnen lernen?

Lees Antwort auf diese Frage ist recht eindeutig: der starke Staat. Sein Text ist auch ein Plädoyer für eine neues Verständnis der Rolle des Staates in der westlichen Wirtschaftswelt zu verstehen. Lee glaubt nicht an das neoliberale Dogma, wonach sich der Markt im freien Spiel der Kräfte selbst reguliert. Der Staat hat für ihn die Aufgabe, die Interessen der Menschen gegenüber den Kräften des Marktes durchzusetzen – frei und liberal gegenüber seinen Bürgern und stark und regulierend gegenüber der Wirtschafts- und Finanzwelt.

„Wie dargestellt, beruht Chinas Erfolg vielmehr auf einem wirtschaftspolitischen Rahmen, der den Akteuren klare Grenzen setzt. Die Regierung behält sich vor, jederzeit an den Märkten intervenieren zu können, um allzu große Exzesse zu verhindern. Spekulanten können sich im Reich der Mitte nicht unbegrenzt austoben. Zudem sind nicht kurzfristige Renditen ausschlaggebend, sondern es geht darum, wo sich das Land in fünf, zehn und auch zwanzig Jahren sieht.“

Der Erfolg Chinas beruht laut Lee somit auf einer wirtschafspolitischen Ordnungspolitik, die in Fünf-Jahres-Plänen Zielvorstellungen definiert und dann flexibel an die jeweiligen wirtschaftlichen Realitäten anpasst. Auch westliche Politiker und Regierungschefs müssten sich demnach mehr an Fernzielen orientieren, anstatt auf die Umfrageergebnisse und die Chancen im Wahlkampf zu starren wie die Schlange auf das Kaninchen. Dafür müsste sich die Politik jedoch stärker vom Einfluss einzelner Interessen freimachen und wieder in der Lage sein, unmittelbar in das Marktgeschehen einzugreifen.

Felix Lee sieht die westlichen Demokratie durchaus in der Lage, dauerhaft neben dem chinesischen Staatskapitalismus konkurrenzfähig zu bleiben. Allerdings hält er es für notwendig, dass in einer Zeit, in der sich das Machtgefüge zu Gunsten der Interessenvertreter der Wirtschafts- und Finanzinstitutionen verschoben hat, die Politik als eigenständiger Akteur verlorene Handlungsspielräume zurückerobert. Eine der provokantesten Fragen in seinem Buch lautet: Was nutzt eine demokratisch gewählte Regierung, wenn sie doch nur die Partikularinteressen bestimmter Gruppen vertritt?

Am Ende dieser Rezension möchte ich ein Zitat stellen, weil es mir besonders auch im Zusammenhang mit der Diskussion um die geschichtliche Einordnung der Leistungen der Kommunistischen Partei Chinas, die nicht immer sachlich geführt wird, in weiten Teilen aus der Seele spricht:

„Ich kenne kein politisches System, das die individuellen Freiheitsrechte so sehr garantiert wie die Länder der westlichen Welt. Freiheit, politische Teilhabe und die Einhaltung der Menschenrechte sind fundamentale Wesensmerkmale einer progressiven Staatsform. Und ich bin davon überzeugt, dass sie unabhängig vom Kulturkreis universell sind. Für ebenso wichtig halte ich es aber, dass Staat und Regierung dafür sorgen, den Bürgern einen Mindeststandard an Lebensqualität zu garantieren, der es ihnen möglich macht, diese universellen Rechte einzufordern und auszuüben. Wer hungert, kein Dach über dem Kopf hat, für wen im Krankheitsfall nicht gesorgt wird oder wem nicht ein Minimum an Bildung geboten wird, der kann sich auch nicht dauerhaft politisch einbringen. Wie die Entwicklung der meisten Demokratien beweist, bedurfte es stets eines gewissen sozialen Niveaus, damit politisches Engagement nachhaltig gedeihen konnte. Diese Standards sind in China längst erfüllt, weswegen es auch aus diesem Grund bedauerlich ist, dass es dort noch immer keine Demokratie gibt.“

Randnotizen: Rookie-Rap und Dream Team zur China-Invasion

Hanhan, hauptberuflich Rennfahrer und nebenbei der uneingeschränkte Superstar unter den chinesischen Bloggern, hat einmal auf die Frage, warum er denn immer nur negativ über sein Heimatland schreiben würde, folgende Antwort gegeben: „Positives brauch ich über China nicht zu schreiben. Das machen doch die Medien schon zur Genüge.“ Und wenn so manch ein Leser von Doppelpod sich in letzter Zeit die Frage stellt, warum wir denn hier nicht auch hin und wieder Chinas dunkle Seiten in aller Deutlichkeit beim Namen nennen, so bleibt darauf nur zu sagen: „Das brauchen wir nicht. Das machen doch die Medien – in diesem Fall die deutschen – schon zur Genüge.“

Gerade ist er vorüber – der Auftritt von Opa Wen (nicht zu verwechseln mit Bruder Hu) auf den großen Bühnen in Europa. Und vor den staunenden Augen der Weltöffentlichkeit hat Opa Wen sein großzügiges Angebot bekanntgegeben, die siechende ungarische Wirtschaft mal eben mit einer der vielen Fantastillionen an amerikanischen Dollars fitzuspritzen, die er unter seinem Kopfkissen und in den Bilanzen der einzigen noch amtierenden Supermacht versteckt hat. Und schon hat Deutschland Angst. „Wir werden aufgekauft. Wir werden aufgekauft. Hilfe. Schließt eure Kinder weg, verrammelt die Türen. Der Orientale mit seinen Schubkarren voller Geld steht am Stadttor.“

Hier nur kurz zwei Zahlen von Tagesschau.de zu der Frage, wer hier wen kauft:

Vergleicht man Deutschland und China als Investoren, so ist Deutschland ein Riese und China ein Zwerg. Das zeigt das gerade in Peking veröffentlichte Weißbuch über die Beziehungen zu Berlin. In 20 Jahren haben deutsche Firmen in China mehr als 17 Milliarden Dollar investiert. Die Chinesen dagegen starteten erst vor zehn Jahren und haben seither gerade einmal 1,3 Milliarden ausgegeben.

OK. Die große finanzielle China-Invasion steht also derzeit für Deutschland noch nicht unmittelbar bevor. Aber man kann sich ja nie früh genug darüber Gedanken machen, mit wem man es da auf der Weltbühne eigentlich alles zu tun hat. Für all diejenigen, die nicht dem Charme des alten Mannes erlegen sind, dem selbst im Angesicht von Angies Moralpredigt nicht das Lächeln vergeht, und die Opa Wens Europa-Trip für eine moderne Inszenierung des Dürrematt’schen Klassikers „Der Besuch der alten Dame“ halten, empfiehlt Doppelpod die folgende musikalische Bearbeitung dieses Themas. Das Lied mit dem Titel „Rookie-Rap zur China-Invasion“, das wir diesmal von dem Berliner  Radiosender Jam FM verlinkt haben, lehnt sich musikalisch an die Old School des Hip Hop an.

Inhaltlich und thematisch könnte man mit ein wenig Phantasie einige versteckte Parallelen zu den in China derzeit wieder beliebt gewordenen roten Liedern entdecken. (Wie heißt eigentlich das Gegenteil von China-Bashing? Nicht das uns jemand uns das demnächst jemand vorwirft und wir kennen noch nicht einmal das Wort)

Deutlich sachorientierter aber dafür mit etwas weniger Flow geht der NDR in der Sendung „Klassik á la Carte“ an das Thema „Deutschland und China“ heran. Das bei Doppelpod bereits vorgestellte Dreamteam der internationalen Beziehungen Yu-Chien Kuan und Petra Häring-Kuan hat dort ein gemeinsames sehr hörenswertes Interview gegeben. Und natürlich verlinken wir auch das in voller Länge. Viel Spaß beim Hören!

Kishore Mahbubani über die Rückkehr Asiens und das Ende der westlichen Dominanz

Kishore Mahbubani lehrt derzeit als Professor für „Public Policy“ an der National University of Singapore. Er vertritt ähnlich wie Niall Ferguson die These, dass die Weltgeschichte sich in der Phase einer tiefgreifenden Veränderung befindet. In diesem Podcast, den wir hier als Deeplink von Cityweekend eingebettet haben und der bereits im Jahr 2008 aufgenommen wurde, spricht Mahbubani über die dramatischen Veränderungen, die bereits stattgefunden haben und die noch zu erwarten sind.

Mahbubani sieht deutliche Anzeichen für das Ende der westlichen Überlegenheit. Dieses Ende bedeutet für ihn jedoch nicht, dass der Untergang des Abendlandes bevorsteht. Stattdessen ist der Machtverlust nur ein relativer und vor allem durch die fast zwangsläufig stattfindende Wiederauferstehung der asiatischen Gesellschaften bedingt. Indien und China, die sich voraussichtlich in den nächsten Jahrzehnten zu den weltweit größten Wirtschaftmächten entwickeln, darauf deuten zumindest alle von ihm angeführten Statistiken hin, werden lediglich die wirtschaftliche Vorreiterrolle zurückerobern, die sie über viele Jahrhunderte innehatten.

Wie dramatisch die Veränderung des weltweiten Machtgefüges derzeit vonstatten geht, belegt Mahbubani mit einigen sehr eindrucksvollen Zahlen. Die statistische Verbesserung des Lebensstandards in der Zeitdauer eines Menschenlebens betrug während der industriellen Revolution, einer immerhin sehr tiefgreifenden Veränderung der westlichen Gesellschaft, etwa einhundert Prozent. Im heutigen Asien verbessert sich der Lebensstandard derzeit durchschnittlich um etwa 10.000 Prozent pro Lebenszeit. Diese Veränderung ist in Mahbubanis Augen besonders deswegen eine sehr positive Entwicklung, weil dadurch weltweit die Zahl der Menschen, die zur Mittelschicht gehören, deutlich ansteigt. Eine möglichst breite Mittelschicht ist in seinen Augen eine wichtige Grundlage für eine friedliche Entwicklung der Welt.

Die Frage, wie die asiatischen Gesellschaften diesen rasanten Aufstieg denn nun bewerkstelligen, beantwortet er mit einer schematischen Darstellung der Erfolgsfaktoren, die deutliche Parallelen zu Ferguson Annahme von sechs „Killer Applikationen“ aufweist. Mahbubani sieht folgende nach Asien exportierte „Säulen der westlichen Weisheit“ (pillars of western wisdom) für den historisch einmaligen Aufstieg verantwortlich:

  1. Frei Marktwirtschaft: Erst durch die Einführung der freien Marktwirtschaft begannen die Menschen, sich in einem kompetitiven Wettkampf Wohlstand zu sichern
  2. Wissenschaft und Technik: Den rasanten wissenschaftlichen und damit verbundenen technologischen Aufstieg bezeichnet er als das „Große Asiatische Wissenschaftsexperiment“
  3. Meritokratie: Asiatische Gesellschaften nutzen heute die zuvor brachliegenden intellektuellen Fähigkeiten von Menschen quer durch alle Schichten. Die Gesellschaften sind durchlässig geworden und fördern Talente. Asien hat einen riesigen Pool an „hellen Köpfen“, die die Gesellschaften voranbringen
  4. Pragmatismus: Nicht erst seit Deng Xiaopings Satz: „Es ist egal, welche Farbe die Katze hat, Hauptsache sie fängt Mäuse“ sind asiatische Gesellschaften sehr ergebnisorientiert
  5. Die asiatische Kultur des Friedens: Nach den blutigen Konflikten in der Nachkriegsgeschichte ist in Ostasien der Wunsch nach einem friedlichen Miteinander nach dem Vorbild Europas weit verbreitet
  6. Gesetzliche Grundlagen der Gesellschaft: Trotz vieler Probleme in gesetzlichen Fragen steigt die Rechtssicherheit in den asiatischen Ländern
  7. Erziehung: In asiatischen Gesellschaften herrscht vielfach ein starkes Bedürfnis nach Bildung.

Insgesamt sieht Mahbubani den Sprung in die Moderne als eine große Chance an. Er prognostiziert sogar die Chance, dass gesellschaftliche Veränderungen nach dem Vorbild Asiens auch in arabischen Ländern positive Entwicklungen bewirken können. Der Vortrag stammt aus dem Jahr 2008. Damals waren die Veränderungen, die heute als „Arabischer Frühling“ bezeichnet werden, noch nicht abzusehen. Inwieweit die derzeitige umbruchartige Demokratisierungsbewegung durch die arabische Jasmin-Revolution aber ähnliche langfristige gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Verbesserungen mit sich bringt, bleibt abzuwarten. Viele Menschen in den arabischen Ländern kämpfen derzeit auf verschiedenen Wegen für eine schnelle Demokratisierung. Wenn jedoch dieser Weg erfolgreich ist und die durch Bürger-Proteste hervorgerufenen politischen Reformen eine nachhaltige Verbesserung der Lebenssituation vieler Menschen in Nordafrika mit sich bringt, wäre es nur folgerichtig, dass Mahbubani seine These revidiert und den von ihm skeptisch gesehenen schnellen Demokratisierungsprozess auch für asiatische Staaten in Frage kommen lässt.

Mahbubanis Thesen werden mancherorts als anti-westliche Polemik interpretiert. Und auch er selbst sieht, dass seine Analysen für viele westliche Leser eine nahezu schmerzhafte Erfahrung sind. Allerdings ist er der Meinung, dass man im Westen nicht um die von ihm aufgeworfene Frage nach der Gerechtigkeit einer multipolaren Weltordnung herumkommt. Es sein an der Zeit, sich gedanklich mit einer veränderten Welt zu beschäftigen. Der Westen habe sich viel zu lange als der „Königsweg“ zur Lösung der globalen Probleme angesehen. Dabei ist vielen nicht bewusst, in welchem Ausmaß heute der Westen selbst Teil der augenscheinlichsten Probleme geworden ist. Mahbubani hält es zum Beispiel für unumgänglich, dass die westlichen Industrieländer die lieb gewonnenen Privilegien in multinationalen Einrichtungen wie dem IWF, der Weltbank oder dem UN-Sicherheitsrat aufgeben.

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Nachtrag: 25.06.2011, 14.27 (MEZ+7): Mahbubani wurde am 25.12.2010 in der CNTV-Sendung „Dialogue“ von Yang Rui interviewed. Hier das Ergebnis:



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Huanqui Shibao (环球时报) über Mahbubani (马凯硕):
新加坡学者:中国需更善于与邻居打交道 打造和谐亚洲

Rezension: Die Langnasen – Was die Chinesen über uns Deutsche denken

Vor einer Weile erwähnte ich das Buch „Die Langnasen: Was die Chinesen über uns Deutsche denken“ in einem Erstsemesterseminar für chinesische Germanistikstudenten. Ich sagte, dass es ein gutes Buch sei, geschrieben von Autoren, die sich sehr für die Verständigung von Deutschland und China einsetzen. Ich fuhr fort, dass es von einem chinesisch-stämmigen Sinologieprofessor und seiner deutschen Frau, die als Dolmetscherin arbeitet, geschrieben wurde. Eine junge Studentin fragte mich daraufhin sehr aufgeregt, ob ich mit diesem Professor vielleicht Yu-Chien Kuan (关愚谦) meine. Als ich es bejahte, da purzelten die Sätze der Begeisterung nur so aus ihr heraus. Weiterlesen

Was ist Aufklärung?

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit bedeutet, dass jemand nicht fähig ist, seinen eigenen Verstand ohne die Leitung eines anderen zu benutzen. Selbstverschuldet bedeutet, dass diese fehlende Fähigkeit nicht durch einen Mangel an Verstand begründet ist. Stattdessen fehlt es an Mut und Kraft, den eigenen Verstand ohne die Leitung eines anderen zu benutzen. Sapere aude! Riskiere es, dich über die Welt zu informieren! Habe Mut, deinen eigenen Verstand zu benutzen.

Der Mensch hat sich von der Macht der Natur befreit und lebt nicht mehr unter ihrer Kontrolle wie ein Tier. Heute ist es die Faulheit und Feigheit, die dazu führt, dass viele Menschen ihr ganzes Leben lang unmündig bleiben. Faulheit und Feigheit sind der Grund, warum viele Menschen von anderen Menschen kontrolliert und gesteuert werden. Es ist so bequem, unmündig zu sein.

  • Habe ich ein Buch, in dem die Welt erklärt wird, dann brauche ich nicht meinen eigenen Verstand benutzen.
  • Kenne ich einen klugen Menschen, der mir das gute Leben erklärt, dann brauche ich meinen Verstand nicht zu benutzen.
  • Habe ich einen Arzt, der mir sagt, was gesund für mich ist, dann brauche ich meinen Verstand nicht zu benutzen.

 

Ich brauche nicht die mühsame Aufgabe des Denkens zu leisten, wenn andere Leute es für mich tun. Außerdem halten die meisten Menschen (besonders die Frauen) es nicht nur für anstrengend, sondern auch für gefährlich, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Sie wurden von den Menschen, die sie kontrollieren, so erzogen. Wie die Tiere im Stall werden sie behandelt von ihren Herren. Zuerst sind diese ruhigen Tiere im Dunkeln des Stalles eingesperrt. Sie sind es nicht gewohnt, auf der Wiese zu grasen. Ihnen wird gesagt, welche Gefahr droht, wenn sie den Stall verlassen würden. In Wirklichkeit gibt es aber gar keine Gefahr. Sie würden vielleicht zunächst stolpern und fallen. Aber nach kurzer Zeit hätten sie gelernt, allein auf der Wiese zu gehen und das grüne Gras zu fressen. Doch die Angst vor dem Stolpern und dem Fallen verhindert, dass die Tiere es versuchen.

Viele Menschen haben es verlernt, ihren eigenen Verstand zu benutzen

Es ist also für jeden Menschen schwer, sich aus der Unmündigkeit, die er für unvermeidlich hält, herauszuarbeiten. Viele Menschen fühlen sich in diesem Zustand wohl. Sie haben es verlernt, ihren eigenen Verstand zu benutzen, weil man es ihnen noch nie erlaubt hat. Vereinfachte Wahrheiten, ständig wiederholte Formeln, die die Welt erklären sollen und zu denen man sich bekennen muss, sind die Fesseln der Menschen, die sie in ihrer Unmündigkeit festhalten. Wenn man sich von ihnen befreit und frei bewegt, dann werden die ersten Bewegungen sehr mühevoll und unsicher sein, weil man nicht gewohnt ist, die neue Bewegungsfreiheit zu nutzen. Deswegen gibt es nur sehr wenige, die es schaffen, sich selbst von den Fesseln zu befreien und einen sicheren Gang zu entwickeln.

Aber es gibt eine andere Möglichkeit. Die ganze Gesellschaft kann sich zu einer aufgeklärten Gesellschaft entwickeln, wenn die Freiheit der Menschen nicht zu sehr eingeschränkt wird. Denn auch unter den Menschen, die andere Menschen kontrollieren, gibt es welche, die es gelernt haben, ihren eigenen Verstand zu benutzen. Sie haben erkannt, dass es für die eigene Entwicklung und die Entwicklung der Gesellschaft gut ist, wenn die Menschen ihren eigenen Verstand benutzen. Sie werden wahrscheinlich von den Menschen, die noch vor kurzem von ihnen kontrolliert wurden, kritisiert werden. Denn diese können den Wert der Aufklärung nicht sehen. Außerdem werden die anderen Herrschenden, die nicht zur Aufklärung fähig sind, es verhindern wollen, dass die Menschen ihren eigenen Verstand bedienen. Es ist also niemals gut, auf der Suche nach der Wahrheit zu glauben, dass man die Antworten auf die Fragen des Lebens schon kennt. Denn dadurch entsteht nur die Unfähigkeit zu lernen. Man sollte keine Meinung als richtig oder falsch bezeichnen, wenn man sie nicht durch seinen eigenen Verstand überprüft hat. Wenn man stattdessen nur die eine Seite der Wahrheit akzeptiert und Vorurteile gelten lässt, besteht immer die Gefahr, dass man irgendwann auf der falschen Seite steht und Rache geübt wird. Daher kann ein Volk nur langsam zur Aufklärung gelangen. Durch eine Revolution wird es vielleicht gelingen, dass ein System, das die Menschen ausbeutet und unterdrückt, zu besiegen, aber es wird dadurch niemals eine wahre Reform der Denkweise erreicht. Denn alte und auch neue Vorurteile werden die Gedanken der Revolutionäre leiten.

Die Freiheit, die man für die Aufklärung braucht, ist die ungefährlichste Freiheit

Für die Aufklärung braucht man also nichts anderes als Freiheit. Freiheit mag nicht immer gut sein und birgt auch Gefahren. Die Freiheit, die man für die Aufklärung braucht, ist jedoch die ungefährlichste Freiheit. Es ist die Freiheit, von seinem Verstand in jeder Hinsicht öffentlichen Gebrauch zu machen. „Nein, nein, nein“, höre ich von allen Seiten „Das ewige räsonieren bringt uns doch keinen Schritt weiter.“

  • Der Offizier sagt: „Ihr sollt nicht denken, ihr sollt marschieren.“
  • Der Buchhalter sagt: „Ihr sollt nicht denken, ihr sollt bezahlen!“
  • Der religiöse Führer sagt: „Ihr sollt nicht denken, ihr sollt glauben!“

Überall wird die Freiheit zum Denken eingeschränkt und man muss sich in seiner Rolle in der Gesellschaft verhalten. Viele dieser Einschränkungen der Freiheit sind auch tatsächlich notwendig, weil jeder Mensch nur ein kleiner Teil eines größeren Gesellschaftsgefüges ist. Menschen haben ihre Rolle in der Gesellschaft, die sie ausfüllen müssen. Deswegen stellt sich die Frage, welche Einschränkungen der Freiheit sinnvoll sind und welche nicht. Ich antworte: Man muss trennen zwischen dem öffentlichen Gebrauch seines Verstandes, der der Wahrheitsfindung dient und dem privaten Gebrauch, der durch die persönliche Rolle in der Gesellschaft eingeschränkt ist. Die Einschränkung dieses privaten Gebrauchs ist für den Fortschritt der aufgeklärten Gesellschaft kein Hindernis.

In der Weltbürgergesellschaft kommunizieren die Gelehrten durch ihre Werke

Für das gesamtgesellschaftliche Interesse ist es in einigen Fragen notwendig und wichtig, dass die Bürger eines Staates sich passiv verhalten und den Anweisungen der Regierung folgen. Wenn man dies nicht tut, gefährdet man die Interessen der Gemeinschaft und die Regierung kann und wird versuchen dies zu verhindern. Als Teil einer Gesellschaft ist es in mancher Hinsicht also wichtig, dass man auf das Denken verzichtet und sich der herrschenden Meinung unterordnet. Aber jeder Mensch ist nicht nur ein Teil dieser Maschinerie, sonder gleichzeitig auch ein Mitglied einer viel größeren Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist die Weltbürgergesellschaft, in der ein Gelehrter durch seine Werke mit anderen Menschen kommuniziert. Hier sollte jeder Mensch seine rational begründete Meinung frei äußern können, auch wenn sie nicht der herrschenden Mehrheit der Menschen seiner Gesellschaft entspricht. Wenn einem Offizier im Dienst etwas befohlen wird, dann darf er den Befehl nicht hinterfragen, sondern er muss ihn ausführen. Aber wenn der Kampf vorüber ist, dann muss es dem Offizier erlaubt sein, Anmerkungen zu machen über die Fehler, die im Kriegseinsatz gemacht wurden. Es muss erlaubt sein, dass er seine wohl begründete Meinung veröffentlicht und anderen Menschen zur Beurteilung vorlegt.

Ein Bürger muss seine Steuern bezahlen. Wenn er dazu aufgefordert wird, dann ist es sogar strafbar, falls er es nicht tut und er muss bestraft werden, wenn er dies nicht den Gesetzen entsprechend handelt. Aber in einer gerechten, aufgeklärten Gesellschaft ist es ihm erlaubt, nach der Bezahlung seiner Steuern, öffentlich die Höhe der Steuern zu kritisieren. Ein Geistlicher, der die Aufgabe übernommen hat, eine Gemeinde zu leiten, muss sich an die Regeln und Sitten der Religion halten, denn dies ist Teil seines Auftrages. Allerdings muss ihm die Freiheit gegeben sein, sich in der Öffentlichkeit Gedanken über die Verbesserung des Religions- und Kirchenwesens zu machen.

In der Trennung zwischen dem öffentlichen Gebrauchs seines Verstandes und dem privaten in seiner Rolle in der Gesellschaft besteht kein Widerspruch. Wenn ein Geistlicher in der Kirche in seiner Rolle als Amtsträger funktioniert, dann vertritt er die Meinung der Kirche, die vielleicht nicht in jeder Hinsicht seinen eigenen Gedanken entspricht. Vielleicht ist er sogar in einigen Punkten vollkommen anderer Meinung. Trotzdem muss er die Gedanken der Kirche lehren, denn er arbeitet für sie. Er wird versuchen, das Beste aus dieser Lehre zu machen, die in seinen Augen vielleicht gar nicht richtig ist. Die Ansicht, die er als Amtsträger vertritt, wird aber wahrscheinlich nicht grundsätzlich seiner Auffassung von der richtigen Religion widersprechen, denn sonst würde er sich nicht für die Aufgabe des Amtes verpflichtet haben. Wenn das Amt nicht mit seinem Gewissen vereinbar ist, müsste er es aber niederlegen.

Als Priester ist diese Person in ihrer freien Meinungsäußerung also eingeschränkt. Als öffenliche Person jedoch, die an dem Wohl der viel größeren Gemeinschaft interessiert ist, muss sie jedoch eine uneingeschränkte Freiheit genießen, ihren  eigenen Verstand benutzen zu dürfen. Denn es ist nicht einzusehen, dass die Menschen, die dem Volk übergeordnet sind, sich selbst unter die Herrschaft einer Weltanschauung oder die Herrschaft anderer Menschen stellen sollen.

Die Menschen haben kein Recht, die Menschen in den folgenden Generationen auf einen Weg festzulegen

Nun könnte man die Frage stellen, ob es nicht sinnvoll ist, dass sich eine Gesellschaft auf eine Ideologie einigt und diese Ideologie für alle Zeiten festschreibt und für alle Mitglieder der Gesellschaft verbindlich macht? Ich sage: Das ist ganz unmöglich. Eine solche Einigung, welche die Menschen an dem Fortschritt der Gesellschaft durch Aufklärung hindert, ist niemals rechtmäßig zu begründen. Und auch wenn alle Gerichte und Institutionen sich auf so eine Vereinbarung geeinigt haben, ist es doch ein Vertrag, der nicht den natürlichen Rechten des Menschen entspricht. Die Menschen, die in einem Zeitalter leben, haben kein Recht dazu, die Menschen in den folgenden Generationen auf einen bestimmten Weg festzulegen. Denn dann wäre man nicht fähig, die alten Irrtümer zu beseitigen und die Erkenntnisse zu erweitern. Das wäre ein Verbrechen gegen die menschliche Natur, deren Bestimmung der Fortschritt ist. Die Nachkommen sind daher dazu berechtigt, solche Beschlüsse nicht anzuerkennen und stattdessen den Weg zu gehen, der auf dem eigene Denken begründeten und der Fortschrittlichkeit verpflichtet ist.

Es wäre allerdings möglich, dass sich ein Volk vorübergehend eine gewisse Ordnung und Ideologie selbst gibt, die so lange gilt, bis man eine bessere gefunden hat. Währenddessen muss es aber den Gelehrten erlaubt sein, öffentlich über eine bessere Ordnung nachzudenken und über die Ideologie zu diskutieren. Wenn die Diskussion dann zu Ergebnissen geführt hat und viele Menschen der Ansicht sind, dass man der Regierung öffentliche Reformvorschläge für eine bessere Gesellschaft unterbreiten kann, dann sollte das auch geschehen. Diejenigen, die die alte Ordnung behalten möchten, sollten das Recht haben, gehört zu werden. Aber auch die, die einen Verbesserungsvorschlag gemacht haben, sollten nicht unterdrückt werden. Ein Menschleben ist zu kurz, um sich auf eine allein gültige, ideologische Auffassung zu einigen, die von niemandem öffentlich bezweifelt werden darf. Dadurch würde man den gesellschaftlichen Fortschritt aufhalten und die Chancen vernichten, dass sich die Gesellschaft verbessert. Das ist nicht gerecht gegenüber den Nachkommen und daher nicht zulässig.

Ein einzelner Mensch kann für eine gewisse Zeit die Aufklärung verschieben. Aber völlig darauf zu verzichten und diesen Verzicht für die Nachkommen festzuschreiben ist eine Handlung, die eines Menschen nicht würdig ist. Wenn aber nicht einmal das Volk eine Festlegung auf einen ideologischen Weg beschließen darf, weil sie damit die Chancen für eine bessere Gesellschaft verringert, dann dürfen die Regierenden es sicherlich auch nicht. Die Rechtmäßigkeit einer Regierung besteht schließlich gerade darin, dass sie die Interessen des Volkes vertritt und den Willen des Volkes repräsentiert. Die Regierenden müssen also darauf acht geben, dass die Verbesserungsvorschläge auch wirklich im Sinne einer besseren Ordnung sind. Die Regierenden sind jedoch keinesfalls dafür verantwortlich, welchen Weg sich ein Volk aussucht. Es ist der Weg des Volkes. Stattdessen sind sie dafür verantwortlich, dass keine Macht das Volk gewalttätig daran hindert, diesen Weg zu gehen. Eine Regierung sollte nicht versuchen, die Schriften, die sich mit der Verbesserung der Gesellschaft beschäftigen zu kontrollieren und zu zensieren. Diese Einsicht hatten schon die Römer. Und niemals sollten die Regierenden versuchen, diejenigen Kräfte in einem Staat zu unterstützen, die einen Vorteil davon haben, wenn die Menschen es lassen, ihren eigenen Verstand zu bedienen.

Wir leben in einem Zeitalter der Aufklärung

Wenn man jetzt die Frage gefragt wird: „Leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter?“, dann lautet die Antwort: „Nein, wir leben wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.“ Es ist so, dass die meisten Menschen in diesem Land nicht in der Lage sind, ideologische Fragen mit Hilfe ihres eigenen Verstandes zu verstehen, ohne dabei angeleitet zu werden. Bis dahin ist noch ein weiter Weg. Aber es ist ihnen der Weg geöffnet worden und sie beginnen die ersten Schritte zu gehen. Die Hindernisse zu einer selbstbestimmten, aufgeklärten Gesellschaft auf dem Weg aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit werden allmählich weniger werden, dafür gibt es deutliche Anzeichen. In Anbetracht dessen ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufklärung, oder das Jahrhundert Friedrichs.

Friedrich ist ein Herrscher, der es unwürdig findet, den Menschen vorzuschreiben, was sie in ideologischen Fragen denken sollen. Er gibt ihnen in diesen Fragen die volle Freiheit. Nicht nur, dass er es nicht nur erlaubt, nein, er fordert es, dass die Menschen sich ihre Meinung selbst bilden. Er verdient den Respekt und den Dank der Nachwelt, dass er jeden Untertanen dazu ermutigt hat, sich in ideologischen Fragen seines eigenen Verstandes zu bedienen. Geistliche dürfen sich fragen, ob die Lehre, die sie vertreten, die richtige und wahre ist. Aber nicht nur diejenigen, die durch ein Amt eine Rolle ausfüllen, unterstützt Friedrich. Gerade die Bürger, die kein Amt ausüben, ermutigt Friedrich, ihren Verstand zu benutzen. Dieser Geist der Freiheit breitet sich auch an anderen Orten aus. Selbst da, wo Regierungen, die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, es zu verhindern versuchen. Denn es wird immer deutlicher, dass in freiheitlichen Gesellschaften niemand sich um die Stabilität, den inneren Frieden und die Einigkeit des Staates Sorgen machen muss. Die Menschen arbeiten sich aus eigener Kraft aus der Unfähigkeit zu denken heraus, wenn man ihnen die Möglichkeiten dazu gibt.

Nur eine Regierung, die stark und stabil ist, kann den Bürgern viel Freiheit geben

Ich habe den Schwerpunkt meiner Analyse der Aufklärung als Ausgang des Menschen aus seiner unverschuldeten Unmündigkeit bei dem Thema Ideologie gesetzt. Denn bei den Künsten und bei der Wissenschaft sind unsere Herrscher weniger streng in ihrer Kontrolle. Die ideologische Unmündigkeit ist auch wohl die schädlichste. Aber es ist nicht nur die ideologische Ausrichtung, über die man in einem Staat problemorientiert diskutieren sollte. Auch beim Thema der Gesetzgebung sollte es dem Volk erlaubt sein, Kritik zu üben und Veränderungen vorzuschlagen. Auch in diesem Bereich hat Friedrich seinen Bürgern viel Mitsprache-Recht gegeben.

Aber nur die Regierung, die aufgeklärt ist und die stark und stabil genug ist, die öffentliche Sicherheit zu garantieren, kann den Bürgern so viel Freiheit geben. Nur wenn die Menschen in ihrer Rolle den Anweisungen folgen, ist die Stabiliät und die Sicherheit in einem Land garantiert. Nur dann kann die Regierung sagen: „Denkt so viel ihr wollt und worüber ihr wollt. Aber führt zunächst die Befehle aus!“ Es klingt paradox, aber es trifft den Kern der Wahrheit. In ihrem täglichen Leben sind die Menschen an ihre Rolle gebunden und nicht unbedingt frei. Sie schränken ihre eigene Gedankenwelt ein und verhalten sich konform. Aber genau dadurch garantieren sie die Sicherheit, die es erlaubt, als Denkender die Freiheit des Geistes zu nutzen und die Gesellschaft zu verbessern.

So kann sich die Freiheit des Geistes ausbreiten und der Mensch kann das nutzen, was ihm von Natur aus gegeben ist und was ihn vom Tier unterscheidet: Der Wunsch und die Fähigkeit zum freien Denken. Die Freiheit im Denken kann sich dann auf die Freiheit im Handeln auswirken. Auf diesem Wege können sich auch die Grundsätze der Regierung verändern, die dann feststellen wird, dass es nur in ihrem eigenen Interesse ist, den Mensch nicht als Maschine zu behandeln, sondern seine Würde zu achten.

Links im Internet:

http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_journal/audio56182-popup.html

http://www.radiobremen.de/nordwestradio/sendungen/nordwestradio_journal/audio56044-popup.html


Das göttliche Lied

Das göttliche Lied wurde von einem Deutschen geschrieben. Es stammt aus der Feder des bis vor kurzem nur in Insider-Kreisen bekannten, deutschen Komponisten Robert Zollitsch. Er ist in München geboren und hat schon in seiner Kindheit seine Liebe zur Musik entdeckt – beim Spielen der Zitter, einem traditionellen deutschen Instrument. Nach einem Musik-Studium in Berlin erhielt er ein Stipendium, um in Shanghai sein Wissen in der traditionellen chinesischen Musik zu vertiefen und die Kunst der Guqin (古琴) zu erlernen.

Die Guqin ist ein klassisches Saiten-Instrument, das der bayerischen Zitter nicht ganz unähnlich ist. Heute ist Robert Zollitsch mit der chinesischen Volkslied-Sängerin Gong Linna (龚琳娜) verheiratet. Mit ihr zusammen hat er zwei Kinder und lebt als Komponist und Produzent in Peking. Er hat sich den chinesischen Namen Lao Luo (老锣) gegeben und verschiedene Alben mit chinesischen Sängern aufgenommen, unter anderem mit seiner Frau. Seine Kompositionen mischen oft verschiedenen Stile miteinander und verbinden traditionelle chinesische Klänge mit westlicher Musik. In vielen seiner Lieder spielt die chinesische Kultur eine wichtige Rolle. Das Lied Jing Ye Si (静夜思) beispielsweise ist eine Vertonung eines Gedichtes des Meisters der Tang-Lyrik Li Bai (李白).





Nun ist die Art von Musik, die Robert Zollitsch und seine Frau machen, eigentlich nicht die Musik, für die sich junge Menschen in China sonderlich interessieren. Traditionelle Klänge hört man zwar bei sehr vielen Anlässen und die Chinesen identifizieren sich trotz der immer moderneren und westlich orientierten Lebenswelt noch immer sehr stark mit ihrer eigenen Geschichte. Aber Chinas Jugend begeistert sich wie die Jugend in den meisten Ländern der Welt eher für die Erzeugnisse der Popmusik, als für den Klang von altertümlichen Saiteninstrumenten.

Doch dann schrieb Robert Zollitsch für seine Frau ein Lied , dem eine Aufmerksamkeit zuteil wurde, wie sonst wohl nur den neuesten Produktionen von Lady Gaga oder S.H.E: Er schrieb das göttliche Lied (神曲). Diese Lied heißt eigentlich Tan Te (忐忑), was so viel wie “in Aufruhr” bedeutet. Die Millionen Internet-Nutzern, die sich die Darbietung von Gong Linna auf Video-Seiten wie tudou.com oder youku.com ansahen, hielten die Klänge jedoch offensichtlich für überirdischen Ursprungs und nannten sie „göttliches Lied“. Denn als ein Video ihrer Darbietung im November 2010 auf diesen Seiten landete, konnten sich die chinesischen Netizens kaum an der teilweise sehr komisch wirkenden Sangeskunst satt sehen. Auch die wunderliche Gesichtsakrobatik von Gong Linna versetzte die Chinesen in staunende Verwunderung.





Inzwischen haben allein auf der Videoplattform tudou.com über vier Millionen User den Spot angesehen. Das Besondere an dem Lied ist zum einen, dass auf einen Text vezichtet wurde. Stattdessen singt Gong Linna eine Anzahl variierender Laute, die selbst für Liebhaber der Peking Oper oft schrill und sonderbar klingen. Hinzu kommt, dass der Rhythmus dieses Liedes immer wieder wechselt. Viele bekannte Sänger in China gaben an, dass sie niemals im Stande wären, dieses Lied zu singen. Einfach zu verschroben war das, was der Deutsche und die Chinesin sich da zusammen ausgedacht haben. Und auch wenn das Lied ursprünglich ernst gemeint war, so liebte die Internetgemeinde daran vor allem das Schräge, das Verrückte. Das göttliche Lied ist irgendwie nicht von dieser Welt.





Im Laufe der nächsten Monate wurde Gong Linna durch das göttliche Lied in China zu einer Berühmtheit und immer mehr Menschen versuchten sich an einer Interpretation der heiligen Klänge. Eine ganze Welle von Adaptionen entstand und noch immer werden neue Versionen dieses seltsamen Liedes auf den Videoportalen hochgeladen.





Eine erwähnenswerte Anekdote am Rande ist die Tatsache, dass das göttliche Lied das einzige Musikstück ist, das jemals vom Chinesischen Basketball Bund (CBA) offiziell verboten wurde. Denn nachdem die verstörende Wirkung dieses Liedes bekannt wurde, begannen einige Teams, die Angriffe der gegnerischen Mannschaft mit den Klängen von Gong Linna zu untermalen. Die seltsamen Rhythmen und Klänge irritierten einige Spieler so sehr, dass sie den Korb nicht mehr trafen und sich später bei den Liga-Verantwortlichen beschwerten. Die hatten ein einsehen und setzten das Lied auf den Basketball-Index.

Und hier für Fans: Die Zugabe. Gong Linna mit ihrem Mann Robert Zollitsch bei einer Talkshow.



Das Individuum beugt sich nicht dem Markt – Wolfgang Kubin bei „Dialogue“

Der deutsche Sinologe Wolfgang Kubin war am 07.11.2010 Gast beim chinesischen Staatfernsehen auf CCTV 9. In dem Gespräch mit dem Moderator Yang Rui, das auf Englisch geführt wurde, ging es vordergründig um die chinesische Literatur.Wolfgang Kubin hält große Teile der modernen chinesischsprachigen Literatur für schlecht und an der Befriedigung des Marktes orientiert. Der eigentlich für seine ruhige Art bekannte Moderator fühlte sich durch die in seinen Augen radikale Sichtweise offensichtlich etwas provoziert.
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Weibos Welt – Mikroblogs verändern die chinesische Gesellschaft

„Mikroblog“ ist in China zum Wort der Jahres 2010 gewählt worden. Diese Auszeichnung ist eines von vielen Anzeichen dafür, dass sich in der Volksrepublik ein medialer Wandel vollzieht, den man mit gewisser Berechtigung als Twivolution bezeichnen kann. Das chinesische Wort für Mikroblog lautet Weibo (微博) und wird fast gleich ausgesprochen wie das Wort für Schal (围脖). Im Internet hat sich dewegen die Bezeichnung „einen Schal weben“ (织 围脖) als Schlagwort für etwas durchgesetzt, das zu einem wichtigen öffentlichen Informationskanal geworden ist.

Mikroblogs sind soziale Netzwerke, die nach dem Vorbild von Twitter funktionieren und erlauben es den Benutzern, sich durch einen Kurznachrichtendienst miteinander zu vernetzen. Twitter selbst ist zwar seit 2009 chinaweit blockiert, die Dienste von chinesischen Anbietern jedoch erfreuen sich rasant steigenden Zuwachsraten. Die großen Online-Portale wie Sina.com, QQ.com und Sohu.com bieten Mikroblogs bereits seit 2007 an, aber der große bis heute andauernde Boom begann eigentlich erst vor zwei Jahren. In diesem Zeitraum ist die Anzahl der chinesischen Mikroblog-User von 8 Millionen auf inzwischen über 75 Millionen gewachsen. Blogs von chinesischen Berühmtheiten haben schon jetzt eine Reichweite, die viele Fernsehsender in den Schatten stellt. Der derzeit beliebteste Blog ist der von Chinas Sport-Nationalhelden, dem Hürdenläufer Liu Xiang (刘翔). Er hat fast 12 Millionen Fans, wie die chinesische Bezeichnung für Abonennten eines Blogs lautet. Aber auch der auf dem zweiten Platz liegende ehemalige Microsoft- und Google-Manager Li Kaifu (李开复) hat aktuell bei QQ.com über 11 Millionen Fans. Fast genau so viele haben Barack Obama und Brittney Spears bei Twitter – wenn man sie zusammenzählt.

Die Mikrobloggs werden in China wie überall auf der Welt genutzt, um alle, die sich für die eigenen Erlebnissen und Gedanken interessieren, auf dem Laufenden zu halten. Geschrieben wird über das eigene Alltagsleben, die beliebtesten Internetvideos und die neuesten Trends innerhalb und außerhalb der Netzwelt. In zunehmendem Maße werden die Mikroblogs aber auch genutzt, um Kommentare zu aktuellen Geschehnissen abzugeben, über die in den Staatsmedien nicht oder nur sehr wenig berichtet wird. Seit die Olympiade und die Weltausstellung vorrüber sind und die Konflikte in Tibet und Xinjiang das Land und die Weltöffentlichkeit etwas weniger in Atem halten, sind es immer seltener die konventionellen Massenmedien, die die Themen der politischen Diskussion vorgeben, sondern die Blogs und Mikroblogs im Internet.

Jin Yong wurde am 06.12 von chinesischen Blogs verstorben.

Zwar werden die Einträge, wenn sie sensible Themen betreffen, immer wieder von den Betreibern der Seite gelöscht – oder wie es in der chinesischen Internetsprache heißt: harmonisiert – aber diese Maßnahmen können es nicht verhindern, dass viele brisante und kontroverse Themen und Ereignisse einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden. Die chinesische Twivolution, so wie sie sich abzeichnet, zeigt jedoch im Gegensatz zu anderen Ländern derzeitig kaum die Tendenz zu einem revolutionären Umbruch. Es handelt sich auch in den Augen vieler chinesischer Intellektueller eher um einen langfristigen Transformationsprozess hin zu einer informierten Gesellschaft mit einer pluralistischen öffentlichen Meinung.

Dabei leisten Blogger augenscheinlich einen wertvollen Beitrag zu mehr Transparenz. Die gesteigerte öffentliche Aufmerksamkeit durch die Blogger verringert bereits jetzt die Gefahr, dass Skandale „unter den Teppich gekehrt“ werden, weil sie nicht den Interessen der Regierung entsprechen und staatliche Medien oft nicht die Form von investigativem Journalismus betreiben, wie er in vielen anderen Ländern üblich ist. Die jüngsten Ereignisse beim sogenannten Ligang-Gate haben gezeigt, dass soziale Netzwerke, Blogs und immer mehr auch die Mikroblogs derzeit in China oft einen schnelleren Zugang zu gesellschaftlich relevanten Informationen bieten als die konventionellen Medien.

Die kürzlich von einem Beijinger Sozialwissenschaftler ins Leben gerufene Online-Kampagne zur Suche nach entführten Kindern, die in einigen Fällen zum betteln gewungen wurden, hat viele Menschen auf das Problem aufmerksam werden lassen. Viele User trugen aktiv zu der Suche bei, indem sie dem Aufruf folgten und Fotos von bettelnden Kindern auf der Mikroblog-Seite veröffentlichten. Diese Suche führte tatsächlich zu Ergebnissen und mindestens ein Vater konnte seinen entführten Sohn wieder in die Arme schließen. Der wahrscheinlich jedoch viel größere Erfolg dieser Aktion ist jedoch, dass sich die chinesische Öffentlichkeit mit diesem wichtigen Thema beschäftigt. Kinder, die von skrupellosen Erwachsenen zum Betteln missbraucht werden, sind in chinesischen Großstädten eine erschreckende Realität. Und nur eine möglichst breite gesellschaftliche Diskussion wird Wege finden können, diesen Kindern auch langfristig zu helfen.

Die alternativen Informationskanäle bergen jedoch auch Gefahren. Die Anonymität und Flüchtigkeit des Mediums Internet hat wie überall auf der Welt auch in China zur Folge, dass auch Unwahrheiten und Gerüchte sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Ein Beispiel aus der jüngeren Zeit ist ein Ereignis, das als „Jin Yong wurde verstorben“ (金庸 “被辞世”) in den Wortschatz der chinesischen Internetgemeinschaft Eingang gefunden hat. Im letzen Dezember verbreitete sich eines Nachts ein Gerücht, das schon am nächsten Morgen die Vögel von den Dächern zwitscherten: „Jin Yong, geboren am 22. März 1924, verstarb am 6. Dezember um 19.07 Uhr in einem Hongkonger Krankenhaus.“ Während einige Mikroblogger den Wahrheitsgehalt der Nachricht anzweifelten, schrieben andere bereits die ersten Nachrufe auf Jin Yong, den Schöpfer der klassischen Kungfu-Literatur. Und Meister Jin selbst? Der war weder tot, noch hatte er die Chance, zu der Nachricht von seinem plötzlichen Ableben eine angemessene Stellungnahme abzugeben.

Zusatz (27.05.2011, 13.53 GMT+8, korrigiert 27.05.2011, 20.50 GMT+8 )

Ich muss allerdings zu meiner Schande eingestehen, dass ich bisher keine Versuche unternommen habe, diese Variante der Geschichte zu überprüfen. Mir fehlt als Blogger einfach die Zeit. Ob Jin Yong gestorben ist oder nicht? Ich weiß es einfach nicht. In einem Vortrag, den ich im German Center, Beijing von der Vize-Präsindetin Yu Wei (于威) des chinesischen Online Big-Players sohu.com gehört habe, habe ich erfahren, dass viele chinesische Online-Medien für ihre Nachrichtenagebote wohl bald ganz auf Journalisten verzichten werden und stattdessen die User durch Mikroblogs die Nachrichten selbst generieren sollen. Das halte ich für eine schlechte Idee. Wenn man nicht die Gerüchteküche, die Anschuldigungen, die Propagenda und den ganzen anderen Unsinn im Internet ganz klar und eindeutig von den verifizierten Nachrichten trennt, dann sind das natürlich keine Nachrichten. (Wenn man den Lesern klar macht, dass die zusammengestellten Informationen keinen Anpruch auf Korrektheit haben, dann ist das OK. Ob man damit seine Marke als „Portal“ gegen die Konkurrenz behauptet kann, ist allerdings zweifelhaft)

Diese Idee von sohu.com ist sogar noch schlechter als der Trend, in Deutschland die Inhalte zu immer größeren Teilen ungeprüft von Nachrichtenagenturen zu übernehmen. Der Journalist muss in Zeiten, in denen die Medienproduktionsmittel ohnenhin in den Händen des Volkes sind, eine ganz andere Rolle einnehmen als früher. Als der Buchdruck erfunden wurde, hat der Kantor seine Predigerrolle eingebuesst – zu Recht. Und heute, wo der Zugang zur Produktion und Rezeption von Medien auf der ganzen Welt frei ist/sein wird, sind die Ansprüche an den Informationsgehalt von Nachrichten deutlich gestiegen. Diese Ansprüche müssen erfüllt werden, weil der Journalismus sich sonst auf lange Sicht womöglich selbst abschafft. Der Kapitän im Meer der Informationen ist gefragt. Und das mehr denn je. Für alles andere werden die Leute in einigen Jahren wahrscheinlich kein Geld mehr aus geben.

Ameisenleben

Früher in den sechziger und siebziger Jahren, vor der Reform- und Öffnungspolitik, als nur wenige Menschen aus dem Westen die Gelegenheit hatten, in die Volksrepublik zu reisen, um über das kommunistische Land im fernen Osten zu berichten, da trugen viele Menschen in China den gleichen, blauen Arbeitsanzug. Die uniformierten Arbeiterbrigaden waren ein ungewohnter Anblick für die Besucher in einer Zeit, in der der Westen die Individualität immer weiter ins Zentrum der gesellschaftlichen Maßstäbe setzte. Die Arbeiter wurden wegen ihrer Eigenschaft in Massen aufzutreten, ihrer Gleichförmigkeit und wahrscheinlich auch wegen ihres unermüdlichen Einsatzes im Westen manchmal als „Blaue Ameisen“ bezeichnet.

Die blauen Ameisen sind ausgestorben. Auf den Straßen von Shanghai, Peking und den anderen Millionenstädten ist die Einheitskleidung verschwunden. Stattdessen sieht man immer mehr Designer- und Markenkleidung. Aber der Begriff der „Ameise“ ist zurückgekehrt. Auch heute gibt es in China wieder Menschen, die als Ameisen bezeichnet werden. Dieses Mal jedoch sind sie es selbst, die sich diesen Namen gegeben haben. Die jungen Chinesen, die aus kleineren Städten oder vom Land zum Studieren in die Metropolen gekommen sind und nach dem Studium noch nicht genug verdienen, um sich einen eigene Wohnung leisten zu können, die nennen sich selbst Yizu (蚁族), die Klasse der Ameisen.

Und diese Klasse der Ameisen, die mit zehn oder noch mehr Mitbewohnern zusammen in kleinen Wohnungen am Stadtrand wohnen, wird immer größer. Gründe dafür gibt es viele: die im ganzen Land immer noch stark zunehmende Urbanisierung, die Reform des Bildungssystems, die zu einer rasant gestiegenen Zahl an Universitätsabsolventen geführt hat und natürlich die explodierenden Wohnungspreise in den großen Städten. Der Wissenschaftler LIAN Si (廉思) hat über diese neue Klasse der Ameisen ein viel diskutiertes Buch veröffentlicht, in dem er die Situation analysiert.

Ein entscheidender Grund für das Entstehen dieses sozialen Phänomens ist, dass der Lebensstandard in den meisten kleineren Städten und Regionen nicht annähernd an die großen Metropolen heranreicht. In vielen Gegenden ist noch immer sehr wenig davon zu spüren, dass China auf dem Weg ist, eine Welt- oder sogar Supermacht zu werden. Die großen politischen und wirtschaftlichen Zentren, allen voran natürlich Peking und Shanghai, haben die anderen Regionen in ihrer Entwicklung weit hinter sich gelassen. Sie üben eine große Anziehungskraft auf die jungen, ambitionierten Chinesen aus. Fast jeder, der etwas aus seinem Leben machen möchte, zieht in die Metropolen, in denen es allerdings schon längst nicht mehr genügend Arbeitsplätze gibt. Der Konkurrenzdruck ist gewaltig. Schon in der Schule lernen viele Schüler besonders fleißig für die nationale Hochschulaufnahmeprüfung „Gaokao (高考)“, um einen Studienplatz an einer guten Universität in Peking oder Shanghai zu ergattern. Und nach dem Studium wollen sie dann meist nicht wieder in ihren rückständigen Heimatort zurück. Sie wollen unbedingt irgendwie teilhaben am Boom der Metropolen. Das führt natürlich auch dazu, dass in den kleineren Städten die gut ausgebildeten Absolventen fehlen, die für das Wirtschaftswachstum dringend gebraucht würden – ein Teufelskreis.
Diese jungen Menschen fühlen sich wie Ameisen – klein und unbedeutend. Sie arbeiten sehr viel, wohnen gemeinsam in einfachen Behausungen und werden von anderen, größeren Tieren meist kaum beachtet. Ameisen sind schwach, nur in der Gruppe sind sie stark.

Aber die Ameisen zählen im Reich der Insekten auch zu den intelligentesten Tieren. Sie arbeiten unermüdlich und geben niemals auf. Und so sehen sich die Angehörigen dieser Klasse auch selbst. Denn wenngleich das Leben der Ameisen manchmal nicht leicht ist, so glauben viele von ihnen doch daran, dass es sich für sie lohnen wird. Die meisten Angehörigen der Ameisenklasse sind zwar mit ihrer derzeitigen Lebenssituation nicht zufrieden. Sie glauben aber fest daran, dass auch sie eines Tages vom Goldrausch der Metropolen profitieren werden.

Mein Vater ist Li Gang

Mein Vater ist Li Gang (我爸是李刚). Diesen Satz soll ein junger Mann gesagt haben und er hat damit den Hass und die Verachtung einer ganzen Nation auf sich gezogen. Aber was ist denn so schlimm daran, wenn jemand sagt, wer sein Vater ist? Jeder Mensch hat einen Vater und jeder Vater hat einen Namen. Wie kann es denn also sein, dass jemand nur mit der Nennung des Namens seines Vaters die Empörung eines ganzen Landes auf sich zieht?
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