Daniele Gansers Vortrag „Corona und China. Eine Diktatur als Vorbild“

Die Nachdenkseiten haben mich auf einen Vortrag aufmerksam gemacht, der sich mit unserer Sichtweise auf die chinesischen Corona-Maßnahmen beschäftigt.

Leserbriefe an die Nachdenkseiten zum Thema hier.

Einiges in dem Vortrag, wie die Darstellung des Social-Credit Systems oder der Gedanke, dass der Lock-Down quasi eine chinesische Erfindung ist, ist etwas vage. Trotzdessen ist dieser Vortrag ein guter Ausgangspunkt für Diskussionen, die ich für immens wichtig halte, um den Erfolg Chinas in der Pandemiebekämpfung und darüber hinaus, richtig einzuordnen.

Denn die Frage, wie die westlichen Demokratien mit ihren eigenen Schwächen, Nachteilen und Fehlern in Sachen Pandemiekontrolle umgehen und wie sie dabei auf andere Länder sehen, wird uns sicher noch eine Weile beschäftigen. In welcher Hinsicht ist Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern schlechter aufgestellt? Was sollte man vielleicht sogar von China übernehmen und welche staatlich gesteuerten Maßnahmen sind für die Eindämmung der Pandemie ein effizientes Mittel, aber nicht ratsam? Welche Rolle spielen Überwachung, Lock-Down und Einreisekontrollen im Verlauf der Pandemie?

Was in dieser Hinsicht zum Besipiel häufig übersehen wird, ist die Rolle der Erfahrung Ostasiens mit Corona-Viren und die konkrete, tief verwurzelte Angst vor einer Epidemie. Der Blick auf Ostasien zeigt, dass dort ganz unabhängig von den politischen Systemen eine Zero-Covid-Strategie von Anfang an das Ziel war und die Bevölkerung dieses Ziel unterstützt hat. Denn auch wenn das Virus überall, abgesehen von den Mutationen, das gleiche ist, so sind doch die Ausgangspunkte zur Bekämpfung jeweils etwas unterschiedlich.

#1 Netzchinesisch Buzz – Douyin

Douyin (抖音) bedeutet auf Chinesisch „schütteln Töne“ und so ist es auch. Und Douyin ist schnell, sehr schnell. Als hätte Youtube vergessen, sein Ritalin zu nehmen. Zu Beginn wundert man sich noch, warum gerade diese App so durch die Decke geht, aber nach etwa fünf Minuten hat man etwas gefunden, was einem gefällt. Ein ziemlich dicker junger Mann tanzt, Landschaft, Berge, Bungee-Jumping. Eine Frau malt ein Aquarell, Play-Back-Sänger, Witze, Make-Up-Tutorials, Tanzeinlagen. Alles trommelt auf die Hirnrinde, fast immer im Takt der Musik, die den meisten Videos hinterlegt ist.

Die meisten, die Douyin ausprobiert haben, sagen, dass es süchtigt macht. Die App ist eine Synapsenspülung, die man vom Zappen im Fernsehen kannte, und die man im Social Media durch heftiges Durchwischen des News-Feeds erreichen konnte. Aber Douyin hat einige Features, die das Ganze eine Nummer schneller machen:

 

  • Anders als z.B. bei Youtube scrollt man bei Douyin durch die Videos, die sofort starten. Was einem nicht gefällt, wischt man weg. Dadurch wird man mit Videocontent geradezu bombardiert.
  • Die Videos sind alle im Hochformat. Die Plattform hat keine Wurzeln in der Computerwelt, nur das Smartphone ist das Medium.
  • Die meisten Videos sind nur 15 Sekunden lang. Ein Blick, ein Lacher, ein Tanzmoove und das war es auch schon wieder. Nichts kann langweilen.
  • Der Algorithmus achtet sehr genau darauf, was man wie lange ansieht und was man favorisiert. Schnell bekommt man Videos in den Feed, die nach den eigenen Vorlieben ausgesucht sind.
  • Aufnehmen geht kinderleicht. Mit dem Smartphone hat man ein Video in wenigen Minuten aufgenommen, mit Musik hinterlegt und bearbeitet.
  • Es gibt zahlreiche Filter, die einen sofort jünger, schlanker und attraktiver aussehen lassen. Die meisten Protagonisten der Videos haben Comic-artige Züge.

Hier ein Showreel:

 

Inzwischen hat sich die Plattform erweitert. Live-Streaming ist eines der Features, die hinzugekommen sind. Luxus-Marken machen dort Werbung. Eine Version unter dem Namen TikTok lässt sich in den Appstores außerhalb des chinesischen digitalen Ökosystems herunterladen. TikTok hat aktuell die höchsten Downloadzahlen aller Nicht-Spiele-Apps weltweit.

 

 

Mietfahrräder – Das geht vorüber!

Ich muss mich doch sehr wundern. Da hatte man sich darauf eingestellt, dass der Siegeszug des Automobils in China unumkehrbar, unaufhaltsam und zudem auch noch unheimlich ungesund ist. Und dann das.

Vor ein paar Wochen radelte ich noch eingequetscht zwischen einem zwölftonnenschweren Hausfrauenpanzer, einem buntlackierten Mätressenhobel und einem dieser übermotorisierten Beamtenkinderspielzeuge durch meine bläulich flimmernde pekinger Wahlheimat. Nur ganz selten zeichnete sich die Silhouette eines der wenigen keuchhustenden Leidensgenossen auf einem beinkraftbetriebenen Zweirad im Abgasdunst ab.

Dann geschah etwas, was sich in letzten Monaten zwar angedeutetet hatte, in diesem Ausmaß aber dann doch überraschend kam. Es kam der Mietfahrräder-Hype. In China gibt es ja meist nur Hype oder Untergang, Millionär oder Hungerlöhner. Ganz oder gar nicht. Und nun also ganz. Irgendein Geschäftsmann stellte ein paar Mieträder auf die Straße. Per App gemietet und mit dem Handy bezahlt. Ein Kuai in der Stunde.

Es kam gut an. Sehr gut sogar. Seit diesem Frühling ist ein großer Teil der wieder wachsenden Zahl an Fahrrädern auf den Straße Pekings gemietet.

Wieviele? Übertreibe ich? Kann es sein, dass das so schnell geht? Nun, ich sitze hier gerade in einem Cafe. Ich mach mal eben eine Strichliste, wie viele herkömmliche und wie viele Mietfahrräder hier vorbeikommen. Am Ende dieses Textes kommt dann die Auswertung.

Vor ein paar Monaten erzählten mir meine Studenten davon. Und ich dachte: Och ja, das kenn ich aus Deutschland. Diese Bahnfahrräder gibt es doch schon so lange, dass ich noch von Studentenpartys damit nach Hause geradelt bin. Und das ist wirklich schon eine ganze Weile her. Und so richtig durchgesetzt haben sie sich in Deutschland auch nicht. Ob das mal eine innovative Idee mit Potenzial ist?

Aber China ist eben auch nicht Deutschland. Denn wenn hier irgendetwas Neues auf den Markt kommt, dann will man es zumindest ausprobieren. Und so fahren in diesem Frühling eben Hunderte, Tausende, Millionen von Pekingern auf gelben, blauen, roten Mietfahrrädern durch die Stadt.

Was heißt das schon. Meist hält so ein Hype nicht lange an. Ich kenn mich da aus. Als damals alle anfingen, auf diesen komischen iPhones herumzuwischen, da hab ich auch sofort gewusst: Das hält nicht lange an. Das ist ein Hype. Der Mensch braucht Tasten. Und? Hab ich nicht Recht behalten?

Nun wie versprochen die Strichliste.

Wie viele konventionelle Fahrräder sind an meinem Fenster des Cafés in der Gouzidian-Straße vorbeigekommen?

IIIIIIIIIIIIIIII

Und wie viele Mietfahrräder waren es?

IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII

Aber das ist nur ein Hype. Das geht vorbei. Ich kenn mich da aus.