Im Kalten Krieg II? Niall Ferguson zum Verhältnis zwischen China und dem Westen

Niall Ferguson hat bereits in den vergangen Jahren immer wieder gezeigt, dass man die aktuelle politische Lage anhand historischer Parallelen zumindest teilweise gut beschreiben kann. Dem Credo folgend, dass sich die Geschichte zwar nie wiederhole, aber immer wieder reime, bezeichnet er die momentane Beziehung zwischen China und dem Westen als Variation des Kalten Krieges. Ursächlich begonnenen habe diese Konfrontation mit der Amtszeit Xi Jinpings und dem damit verbundenen wachsenden Nationalismus der kommunistischen Partei Chinas. Für Ferguson ist eine Kooperation mit China, die auf beiderseitigen Nutzen ausgerichtet ist, unter diesen Umständen nicht weiter möglich. Vielmehr komme es nun für den Westen darauf an, sich der Konfrontation zu stellen, um einen „heißen Konflikt“ zu verhindern.

Was mich an Ferguson manchmal etwas stört, sind seine oft populistischen Prognosen über den weiteren Verlauf der Geschichte, die sich in der Vergangenheit teilweise als falsch erwiesen haben. So lag er zum Beispiel bei den Grenzen der Staatsverschuldung und bei der Einschätzung von Bitcoins als Anlageklasse daneben – Fehlurteile, die er später selbstkritisch einräumte.

Seine China-Expertise hat mich in den vergangenen Jahren jedoch überzeugt. Offensichtlich verfügt er über zahlreiche informierte Kontakte in die von ihm analysierten Länder und gleicht deren Analysen mit seinen historischen Befunden ab. So hat er zum Beispiel gleich zu Beginn der Arabischen Rebellion, als ein Großteil der westlichen Beobachter ihre Hoffnungen auf eine Liberalisierung dieser Region offensiv zur Schau gestellt hat, bereits gewarnt, dass diese Entwicklungen im Ergebnis wahrscheinlich eher zur Stärkung radikal-fundamentalistischer Kräfte führen werden.

Befindet sich China bereits jetzt in einem kalten Krieg mit dem Westen? Die Geschichte wird diese Antwort geben, aber mir scheint es angebracht, sich bereist jetzt mit historischen Parallele dieser Art auseinanderzusetzen.

Ein weiterer immens wichtiger Aspekt, der in dem unten verlinkten Interview thematisiert wird, ist die Gefahr einer „Osmose des Krieges“, also einer Angleichung der Kontrahenten während eines Konflikts. In diesem Zusammenhang stellt Ferguson die Frage, ob die rigiden Maßnahmen der Volksrepublik während der Corona-Pandemie der Auslöser für die „Lock-Down-Politik“ zahlreicher westlicher Staaten gewesen sind. Hätte es nicht einen ganz anderen Ansatz (Testung, Nachverfolgung, Grenzsicherung) geben können, bei dem man sich viel mehr an der Strategie von Ländern wie Taiwan als an der Volksrepublik orientiert hätte?

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